Mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine leben inzwischen in Deutschland. Viele von ihnen sind Ärztinnen, Ingenieure, Lehrerinnen, Buchhalter oder Pflegekräfte. Und doch arbeiten zahlreiche von ihnen in Jobs, die wenig mit ihrer Ausbildung zu tun haben, oder sie warten noch auf ihren ersten Arbeitsvertrag.

Der Fachkräftemangel und die Zahl gut ausgebildeter Zugewanderter passen eigentlich perfekt zusammen. In der Praxis hakt es an Details.

Anerkennung dauert oft Monate

Wer in Deutschland in einem reglementierten Beruf arbeiten möchte, braucht eine offizielle Anerkennung seines Abschlusses. Das betrifft etwa Ärzte, Apothekerinnen, Pflegekräfte, Lehrkräfte und Ingenieure in bestimmten Bereichen. Das Portal Anerkennung in Deutschland zeigt, welche Stelle zuständig ist und welche Unterlagen verlangt werden.

Die Liste ist lang. Diplome, Fächer- und Notenübersichten, Arbeitszeugnisse, Nachweise über Praktika und manchmal sogar Lehrpläne der ukrainischen Hochschule. Alles muss in deutscher Sprache vorliegen, in vielen Fällen als beglaubigte Übersetzung.

Dokumente sind der erste Engpass

Viele Geflüchtete haben ihre Unterlagen in großer Eile mitgenommen. Manche haben nur Kopien, andere Fotos auf dem Handy. Ukrainische Hochschulen und Behörden stellen inzwischen zwar viele Nachweise digital aus, doch die Umstellung ist nicht überall abgeschlossen.

Hinzu kommt die Übersetzung. Eine Übersetzung für die Anerkennungsstelle muss vollständig sein, Stempel und Vermerke berücksichtigen und Namen einheitlich wiedergeben. Viele Antragsteller wenden sich deshalb an einen spezialisierten Dienst für die Übersetzung Ukrainisch Deutsch, der beglaubigte Übersetzungen liefert, die von Kammern und Behörden akzeptiert werden.

Eine einheitliche Schreibweise der Namen erspart später viele Rückfragen. Das gilt besonders für Namen, die im Pass, im Diplom und in der Geburtsurkunde unterschiedlich transliteriert wurden.

Medizin und Pflege, wo der Bedarf am größten ist

Besonders deutlich wird die Lücke im Gesundheitswesen. Kliniken und Pflegeheime suchen dringend Personal. Gleichzeitig warten ukrainische Ärztinnen und Pflegekräfte auf ihre Approbation oder Berufserlaubnis.

Für die Anerkennung medizinischer Berufe werden häufig ausführliche Studiennachweise verlangt, inklusive Stundenzahlen für einzelne Fächer. Hier geht es um Fachbegriffe, die in einer allgemeinen Übersetzung leicht falsch wiedergegeben werden. Professionelle medizinische Übersetzungen sorgen dafür, dass Bezeichnungen wie Innere Medizin, Chirurgie oder Pharmakologie korrekt und nachvollziehbar erscheinen.

Dazu kommt die Fachsprachprüfung, die Ärzte und Pflegekräfte ablegen müssen. Sie prüft, ob jemand mit Patienten und Kollegen sicher kommunizieren kann. Viele bereiten sich darauf in Abendkursen vor, oft neben einer Hilfstätigkeit.

Sprache im Alltag und im Job

Die Integrationskurse haben vielen Menschen den Einstieg in die deutsche Sprache ermöglicht. Doch zwischen einem B1-Zertifikat und dem sicheren Umgang mit Fachsprache liegt ein weiter Weg.

In der Übergangszeit helfen Dolmetscher. Beim Jobcenter, bei der Ausländerbehörde, bei Arztterminen oder bei Elterngesprächen in der Schule sind sie oft unverzichtbar. Kommunen, Kliniken und Arbeitgeber greifen dafür zunehmend auf professionelle Dolmetscherdienste zurück, vor Ort, per Telefon oder per Video.

Gerade bei sensiblen Gesprächen, etwa über eine Diagnose oder eine Kündigung, zeigt sich der Unterschied. Ein Familienmitglied oder eine Übersetzungs-App kann im Notfall helfen, ersetzt aber keine neutrale, geschulte Person. Kinder, die für ihre Eltern dolmetschen, geraten dabei oft in eine Rolle, die sie überfordert.

Was Arbeitgeber berichten

Unternehmen, die ukrainische Fachkräfte eingestellt haben, berichten überwiegend positiv. Genannt werden hohe Motivation, solide Ausbildung und die Bereitschaft, sich schnell einzuarbeiten. Kritisch sehen viele dagegen die Bürokratie.

Ein Handwerksbetrieb in Sachsen erzählt etwa, dass ein erfahrener Elektriker fast ein Jahr auf die Gleichwertigkeitsfeststellung warten musste. In dieser Zeit durfte er nur als Helfer arbeiten. Ähnliche Geschichten hört man aus Pflegeheimen, Kitas und Ingenieurbüros.

Einige Arbeitgeber gehen deshalb selbst aktiv vor. Sie übernehmen Kosten für Übersetzungen, begleiten Mitarbeitende zu Behördenterminen und bieten Sprachkurse während der Arbeitszeit an. Informationen für Unternehmen und Fachkräfte bündelt auch das Portal Make it in Germany der Bundesregierung.

Zwischen Bleiben und Rückkehr

Ein weiterer Faktor ist die Unsicherheit über die Zukunft. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer wissen nicht, ob sie langfristig in Deutschland bleiben oder nach Kriegsende zurückkehren wollen. Das beeinflusst die Entscheidung, ob sich ein langwieriges Anerkennungsverfahren lohnt.

Experten raten dennoch dazu, den Prozess zu beginnen. Eine anerkannte Qualifikation ist ein Gewinn, egal wo man später arbeitet. Und übersetzte, beglaubigte Unterlagen sind auch in anderen EU-Ländern hilfreich. Wer später zurückkehrt, bringt zudem Berufserfahrung aus Deutschland mit, die beim Wiederaufbau der Ukraine gefragt sein dürfte.

Was jetzt helfen würde

Aus Gesprächen mit Beratungsstellen, Arbeitgebern und Betroffenen ergeben sich einige klare Forderungen:

  • Schnellere Bearbeitung bei den Anerkennungsstellen und mehr digitale Verfahren.
  • Einheitliche Regeln zwischen den Bundesländern, damit Fachkräfte nicht an Zuständigkeiten scheitern.
  • Mehr berufsbegleitende Sprachkurse mit Fachbezug.
  • Klare Informationen, welche Übersetzungen genau verlangt werden.
  • Teilanerkennungen, die eine Beschäftigung schon während der Anpassungsmaßnahme ermöglichen.

Ein Potenzial, das noch nicht ausgeschöpft ist

Die Zahlen zeigen, dass immer mehr Ukrainerinnen und Ukrainer in Deutschland Arbeit finden. Doch viele arbeiten noch nicht dort, wo ihre Fähigkeiten am meisten gebraucht werden. Mit weniger Bürokratie, guter Vorbereitung und verlässlichen Übersetzungen könnte sich das in den kommenden Jahren deutlich ändern.

Für Betroffene gilt: Unterlagen früh sammeln, sauber übersetzen lassen und sich beraten lassen. Für Politik und Arbeitgeber gilt: Hürden abbauen, bevor die Motivation der Menschen verloren geht.